Let’s wrap!

Let’s wrap!

Allen, die jetzt vermuten, es folge ein kulinarischer Bericht, sei gleich gesagt: Es wird künstlerisch!

Die Klasse 9c beschäftigte sich in den vergangenen Wochen intensiv mit dem Verpacken/Einpacken (to wrap something) von Dingen und dem Effekt, der dadurch entsteht beziehungsweise erzeugt wird – Spannung!

Doch was genau bewirkt diese Spannung beim Menschen, der etwas Verpacktes sieht? Dieser Frage gingen wir mit einem praktischen Bespiel auf den Grund: Wir starteten mit individuell verpackten Geschenken; denn ein verpacktes Geschenk, wird jeder schon mal erhalten haben. Die Möglichkeiten ein Objekt auf den ersten Blick zu verhüllen sind vielseitig – in unserem Fall gab es eine großzügige Spende einer Mutter aus der Schulgemeinde, die beim Aufräumen viel Geschenkpapier übrighatte, welches sie der Fachschaft Kunst überließ – wir konnten unsere Fingerfertigkeiten in Sachen Verpackungskünsten also freien Lauf lassen. Alles war erlaubt – Ziel war es, das gewählte Objekt vor Blicken zu verbergen. Gemeinsam betrachteten wir die verpackten Objekte. Schnell kam die Frage auf WAS steckt in der Verpackung? Manche Dinge waren leicht zu identifizieren – die Form verriet sie sofort – andere Dinge waren weniger leicht zu entschlüsseln; die Uniformierung mit Geschenkpapier schaffte eine Verfremdung.

Allen verpackten Objekten war zu Teil, dass die Betrachter gespannt waren, WAS genau unter dem Papier steckte. So war das „ah“ oder „aha“ nach dem gemeinsamen Auspacken natürlich groß.

Im Verlauf der Reihe klärten wir, ob es nötig sei die aufgebaute Spannung bis zum Maximum auszureizen, oder ob es auch genügen würde, Teilbereiche eines Objektes vor den Blicken des Betrachters zu verbergen und dennoch die gewünschte Spannung oder besser Aufmerksamkeit für ein Objekt zu erhalten.

Im gleichen Zuge erhielten die Schüler:innen den Auftrag mit Stoffen statt Papier zu arbeiten. Das Zerschneiden/Zerreißen der Stoffe war jedoch nicht gestattet – ebenso durfte kein Klebeband verwendet werden – stattdessen ausschließlich Schnüre!

Was tue ich nun, wenn mein gewähltes Objekt deutlich kleiner als der Stoff ist, den ich erhalten habe (welcher aber nicht zugeschnitten werden darf)? Schnell kamen erste Ideen, die sich in der Klasse ausbreiteten und fortentwickelt wurden: Falten mussten eingesetzt werden!

Wir alle haben sie schon einmal gesehen – mal bewusst in Szene gesetzt bei einem Plisseerollo, welches zusammengeschoben den Blick nach außen ermöglicht und umgekehrt ausgefahren den gleichen Blick verwehrt oder bei einem Rock, der in viele Falten gelegt ist und eng am Körper anliegt, sich beim Gehen aber öffnet und so luftig durch die Gegend schwingt – mal mehr oder weniger unfreiwillig (bei uns Älteren), wenn wir in den Spiegel schauen und erkennen, dass die Haut irgendwie zu groß erscheint und sich eigenständig am Körper in Falten legt.

Das Verpacken/Verhüllen ohne Klebeband erfordert auch besondere Praxis und vor allem eine Entscheidung: Möchte ich ganz akkurat (sauber/ordentlich) arbeiten – oder soll die Schnur, welche ich benutze als Mittel zur Formzeichnung verwendet werden und durch straffe – vielleicht sogar wüste (wild verschlungene) – Wicklung den verborgenen Körper im Stoff abzeichnen?

Jedes individuelle Team fand eine eigene Methode und so entstanden unheimlich vielseitige, verhüllte Objekte.

Anders als beim Verpacken mit Resten von Geschenkpapier gab es für alle Gruppen einheitlich weißen, vielleicht sogar auf den ersten Blick langweilig wirkenden Stoff und orangene Schnüre.

Nachdem alle frei gewählten Objekte verhüllt waren, gab es eine Auswertung. Die Schüler:innen präsentierten ihre Objekte vor der Klasse und begründeten ihre Methode zur Verhüllung. Manche verhüllten Objekte ließen bewusst Blicke auf Teilbereiche des eigentlichen Gegenstandes frei – andere waren vollständig verhüllt. Beide Varianten erzeugten die gewünschte Spannung beim Betrachter!

Auf die Frage, was alle Objekte gemeinsam hätten, antworteten die Schüler:innen sehr schnell: Die Farbe des Stoffes und die Schnüre! Wie es in der Schule oft der Fall ist: KEIN ZUFALL!

Auf die Bitte die Objekte alle in den Flur des Kunstbereiches zu bringen und auf weiße Präsentations-Sockel zu stellen, machte sich ein großes „AH“ breit (auch wenn es nicht unbedingt zu hören war).

Die Schüler:innen bemerkten, dass eine Uniformierung mit gleichen Verpackungen (einheitlich weißem Stoff und dem formgebenden, orangenen Element Schnur) den noch so unterschiedlichsten Objekten eine Einheit gegeben werden kann. Die verschiedensten Dinge können so in einem gemeinsamen Kontext präsentiert werden und schaffen den Rahmen für eine kleine, temporäre Ausstellung für die Schulgemeinde.

Warum die Dokumentation eines derartigen Projekts so wichtig ist, besprachen wir in den folgenden Wochen, als wir uns dem Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude widmeten. Nun wurde auch den Schüler:innen klar, warum ihr Gemeinschaftsprojekt unbedingt fotografiert werden musste. Das Ehepaar, welches nicht nur am selben Tag im selben Jahr geborgen wurde, sondern auch Weltruhm durch aufwendigste Verhüllungsaktionen erlangte, finanzierte alle Projekte durch die Vermarktung der Bilder und aufwendiger Skizzen und Collagen ihrer Kunstwerke. Die Planung der jeweiligen Projekte (so zum Beispiel dem „Wrapped Reichstag“) konnte schon mal 24 Jahre dauern, bis alle Genehmigungen und Vorbereitungen bis hin zur Finanzierung ausgeklügelt waren. Das eigentliche Kunstwerk, zum Beispiel der verhüllte Reichstag in Berlin, war lediglich 13 Tage zu bestaunen. Was bleibt ist das Foto – besser gesagt: Fotobücher für die Ewigkeit, die den gesamten Entstehungsprozess dokumentieren und so den Blick auch viele Jahre später auf derartig beeindruckende Kunstprojekte ermöglichen.

In Anlehnung an solche Fotobücher mit allen relevanten Dokumentationen, zeichnete auch die 9c ihre Objekte unverhüllt sowie verhüllt und schaffte so neben der plastischen Gestaltung am Objekt auch noch eine zeichnerische Umsetzung der erlangten Erkenntnisse.

Ein großes Lob an die Klasse 9c, die sich nicht nur mutig auf experimentelle Aufgabenstellungen einlässt, sondern auch noch tatkräftig, fleißig und mit Freude einen gesamten Lernprozess durchläuft.

Für die Schulgemeinde – Jonas Reinhold